Zur Situation von geflüchteten trans*, inter* und nicht-binären Menschen

Trans* Menschen sind in vielen Ländern von Kriminalisierung, Verfolgung und transfeindlicher Gewalt bedroht. Sie können von staatlichen und nicht-staatlichen Akteur_innen, aber auch von der eigenen Familie verfolgt werden. Manche trans* Menschen sehen sich daher gezwungen ein Doppelleben zu führen, was mit enormer psychischer Gewalt einhergeht. Wenn aber sog. geschlechtsspezifische Stereotype überschritten werden, laufen sie Gefahr, von der Gesellschaft exkludiert zu werden. Viele trans* Menschen sind marginalisiert und haben keinen Zugang zum Arbeitsmarkt oder zur Gesundheitsversorgung. In einigen Ländern ist es trans* Menschen zudem nicht möglich, eine Geschlechtsangleichung anzugehen oder transspezifische medizinische oder psychologische Unterstützung zu erlangen.

Auch inter* Menschen können Verfolgung als Inter* und insbesondere als queer lebende Inter* erfahren. Intergeschlechtlichkeit ist weltweit noch immer ein tabuisiertes Thema. Viele haben menschenrechtsverletzende operative Eingriffe erlebt, die nicht selten langfristige, schwerwiegende psychische und körperliche Konsequenzen mit sich tragen können. Wenn sich Inter* nicht mit dem ihnen zugewiesenen Geschlecht identifizieren und den sog. Geschlechtsstereotypen entsprechen, können sie, ähnlich wie Trans*, aufgrund ihres Geschlechtsausdrucks verfolgt werden. Die Lebensrealitäten und Erfahrungen von inter* Menschen können sehr unterschiedlich sein und sind daher nicht zu verallgemeinern. Sowohl in der Mehrheitsgesellschaft, als auch unter medizinischem, psychologischem und anderem Fachpersonal weltweit herrscht noch immer ein großer Mangel an Wissen über Intergeschlechtlichkeit und somit der Lebensrealitäten von inter* Menschen. Viele Inter* sind somit immer wieder mit Diskriminierung und Ausgrenzung konfrontiert. Einige geflüchtete Inter* Menschen können daher ihre Intergeschlechtlichkeit aus Angst vor weiterer Diskriminierung als Fluchtgrund im Asylverfahren nicht benennen.

Verfolgung aufgrund der sexuellen Orientierung und/oder geschlechtlichen Identität ist ein gemäß des deutschen Asylgesetzes anerkannter Asylgrund (§ 3 Absatz 1 AsylG). Darüber hinaus zählt das „Versorgungs- und Integrationskonzept für Asylbegehrende und Flüchtlinge“ des Berliner Senats LSBT*I* Geflüchtete zur Gruppe der besonders schutzbedürftigen Geflüchteten.

Geflüchtete trans* und inter* Menschen können jedoch auch Gewalt und Diskriminierung im Asylverfahren und im sog. Zukunftsland erleben. Viele Entscheidungsträger_innen im Asylverfahren verfügen über keine Sensibilisierung und Kenntnis über die Situation von trans* und inter* Menschen. So werden beispielsweise festgefahrene und stereotype Vorstellungen auf die Personen übertragen, um diesen folglich ihre sexuelle Orientierung, geschlechtliche Identität oder Variationen ihrer Geschlechtsmerkmale abzusprechen, sollten sie diesen nicht entsprechen, und Asylgesuche als unbegründet abzulehnen. Aus Angst und Schamgefühl, erneut Diskriminierung und Ausgrenzung zu erfahren, ist es für viele Personen eine enorme Herausforderung in einer derartigen Interviewform offen und detailiert über ihre Identität und schmerzvolle Erfahrungen zu berichten. Die Konfrontation mit nicht sensibilisierten Entscheidungsträger_innen und Dolmetscher_innen in solchen Interviews selbst kann für trans* und inter* Menschen nicht nur extrem belastend sondern auch retraumatisierend wirken. Es ist daher notwendig, dass geflüchteten Trans* und Inter*, bestenfalls schon vor der Antragsstellung, Kontakt zu entsprechenden Peer-Organisationen und sensibilisierten Fachkräften gewährleistet wird.

Viele geflüchtete Trans* berichten von Beleidigungen, Bedrohungen und Gewalt, wenn sie in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht sind. Dort kann ihnen meist kein adäquater Schutz gewährleistet werden. Besonders für inter* Menschen können in Gemeinschaftsunterkünfte ohne jegliche Privatsphäre gefährlich sein, wenn diese somit für andere „sichtbar“ gemacht werden. Sie sehen sich oft mit Einsamkeit und Isolation konfrontiert. Besonders betrifft dies Personen, die fernab von größeren Städten mit Anbindung an eine LSBT*I*-Community und entsprechende Anlaufstellen für Trans* und Inter* in Unterkünften leben. Weitere Schwierigkeiten sind hinsichtlich des Zugangs zum Arbeits- und Wohnungsmarkt festzustellen. Transfeindliche und rassistische Gewalt ist zudem auch im Alltagsleben in Berlin und Deutschland weiterhin verheerend. Letztlich können auch innerhalb der lokalen LSBT*I*-Communities selbst geflüchtete trans* und inter* Menschen oft mit Fetischisierung und Rassismus konfrontiert sein.

Auch in der Gesundheitsversorgung sehen sich trans* und inter* Menschen mit vielen Hürden konfrontiert. Abhängig von ihrem „Status im Asylverfahren“ sowie der Aufenthaltszeit in Deutschland können geflüchtete trans*, inter* Menschen nur beschränkt Zugang zu trans* und inter* spezifischen Gesundheitsversorgung erlangen. Letztlich ist der Zugang mit einem enorm hohen bürokratischen Aufwand verbunden und benötigt unbedingt die Unterstützung durch fachspezifische Anlaufstellen für trans* und inter* Menschen. Besonders prekär ist die Situation für geflüchtete Trans* und Inter*, die dezentral und in kleinstädtischen bis ländlichen Umgebungen untergebracht sind. Im Vergleich zu den Angeboten in Großstädten gibt es dort keine sensibilisierten Ärzt_innen, Therapeut_innen oder andere Anlaufstellen. Die Personen sind gezwungen weite Wege aufzunehmen, um eine entsprechende Versorgung überhaupt wahrnehmen zu können. Darüber hinaus gibt es nicht ausreichend Ärzt_innen, Therapeut_innen u.ä. Fachpersonal, die ausreichend Wissen über die Lebensrealitäten und Bedarfe von trans* und inter* Geflüchteten und Trans* und Inter* im Allgemeinen verfügen. Besonders hinsichtlich des Bedarfs an psychotherapeutischer Versorgung zeigt sich, dass es neben dem erschwerten Zugang zudem einen Mangel an kompetenten Psychotherapeut_innen gibt, die rassismuskritisch arbeiten zum Einen und Wissen über die Lebensrealitäten von LSBT*I* zum Anderen besitzen. Einige geflüchtete Trans* und Inter* berichten von Schlafstörungen, Angstzuständen, Depressionen und psychosomatischen Symptomen.

Hinzu kommt, dass geflüchtete Trans* und Inter* nicht nur aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität Diskriminierung erfahren. Insbesonders als geflüchtete Personen können sie von Mehrfachdiskriminierung betroffen sein und Rassismus, Klassismus, Ableismus, (Cis-)Sexismus oder Homophobie erleben. Viele geflüchtete Trans* und Inter* erleben rassistische Diskriminierung z.B. durch Behörden, Ärzt_innen, Therapeut_innen, Lehrer_innen oder Arbeitgeber_innen. Die Mehrfachzugehörigkeit der Personen muss für eine respektvolle und sensibilisierte Arbeit mit geflüchteten Trans* und Inter* anerkannt und mitgedacht werden.

Abschließend muss betont werden, dass die erläuterten Herausforderungen und Diskriminierungserfahrungen nicht für alle geflüchtete Trans* und Inter* gleichermaßen auftreten und nicht auf die oftmals sehr individuellen Erfahrungen zu verallgemeinern sind. Sehr viele geflüchtete, queer lebende Trans* und Inter* sind äußerst resilient und haben aufgrund der eigens aufgenommenen Flucht aus einem für sie nicht sicheren Umfeld sehr viel Vertrauen in sich selbst und ihre Fähigkeiten gefasst. Nicht alle Menschen, die Fluchterfahrung gemacht haben, damit auch Trans* und Inter*, sind per se traumatisiert oder auf die gleiche Art und Weise belastet. Besonders für Menschen, die im Rahmen ihrer Arbeit mit geflüchteten Trans* und Inter* in Kontakt kommen ist wichtig zu betonen, dass diesen nicht nicht mit vorgefertigten Vorstellungen über ihre Identität, ihre Erfahrungen und ihre Bedürfnisse gegenübergetreten wird, sondern stets ihre Individualität und Mehrfachzugehörigkeit im Auge behalten wird.

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