HEINRICH HABITZ GEN. "LIDDY BACROFF" * 1908
Simon-von-Utrecht-Straße 76 -79 (Hamburg-Mitte, St. Pauli)
Mauthausen
ermordet 6.1.1943 KZ Mauthausen
Autoren Dr. Gottfried Lorenz und Ulf Bollmann
Liddy Bacroff (Heinrich Eugen Habitz), geb. 19.8.1908, inhaftiert 1924, 1929, 1931, 1935,
1936 und 1938, gestorben am 6.1.1943 im KZ Mauthausen
Simon-von-Utrecht-Straße 79 (Eckernförderstraße 78)
Um seine transvestitischen bzw. transsexuellen Neigungen ausleben zu können, entschied
sich der aus Ludwigshafen stammende Heinrich Habitz für ein Leben als Hure und nannte sich
Liddy Bacroff.
Er wuchs bei seinen Großeltern auf. Joseph Habitz, der spätere Ehemann seiner Mutter,
adoptierte ihn. Da er als "schwer erziehbar" galt, wurde er für ein Jahr in ein Erziehungsheim
gesteckt. Nach einer abgebrochenen kaufmännischen Lehre arbeitete er als Bürodiener und
anschließend als Laufbursche. Für die 1920er und 1930er Jahre sind mehrere Vorstrafen
wegen Eigentumsdelikten und Hausfriedensbruchs dokumentiert. 1924 wurde der 16-Jährige
wegen eines Vergehens nach § 176 Ziffer 3 RStGB vom Amtsgericht Ludwigshafen zu sechs
Wochen Haft verurteilt, später wurde ihm die Strafe erlassen. 1929 verhängte das Amtsgericht
Mannheim eine zweimonatige Gefängnisstrafe wegen "widernatürlicher Unzucht" nach § 175
RStGB. Im November 1929 verließ Habitz endgültig sein Elternhaus und zog zunächst nach
Berlin, dann nach Hamburg. In der Hansestadt nannte sich Heinrich Habitz fortan Liddy
Bacroff.
1930 folgte erneut eine zweimonatige Haft, dieses Mal, weil sie einem Zimmergenossen die
Damenkleidung gestohlen hatte. Im Juni desselben Jahres wurde sie wegen
Hausfriedensbruchs mit einem Monat Gefängnis bestraft. Im Mai 1931 folgte der nächste
Prozess: Liddy Bacroff erhielt vier Monate Gefängnis wegen homosexueller Handlungen nach
§ 175 RStGB. 1933 und 1934 folgten zwei Verurteilungen wegen Beischlafdiebstahls und
"widernatürlicher Unzucht" zu sechs und zehn Monaten Freiheitsentzug.
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Während der Gefängnisaufenthalte in den Jahren 1930 und 1931 verfasste Liddy Bacroff
mehrere Texte über ihre Gefühlswelt, die einen guten Einblick in das Leben eines
Transvestiten geben. Die Texte trugen die Titel "Freiheit! (Die Tragödie einer homosexuellen
Liebe)" und "Ein Erlebnis als Transvestit. Das Abenteuer einer Nacht in der Transvestitenbar
Adlon!".
Im März 1936 wurde Liddy Bacroff erstmals nach dem neuen § 175 a Ziffer 4 RStGB, der
"gewerbsmäßige Unzucht" unter Strafe stellte, und wegen Diebstahls vom Landgericht
Hamburg zu zwei Jahren Zuchthaus mit Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte für drei
Jahre verurteilt. Die Strafe verbüßte sie im Zuchthaus Bremen-Oslebshausen.
Was war geschehen? Im Dezember 1935 hatte ein Seemann bei der Schutzpolizei Anzeige
gegen eine Hure wegen Diebstahls erstattet. Die polizeilichen Ermittlungen ergaben, dass
dafür nur Liddy Bacroff in Frage kam. Im Januar 1936 erfolgte ihre Verhaftung. Im Verhör
machte sie folgende Aussage: "Den Diebstahl der RM 20,– in der Herrenweide gebe ich zu.
Nach meinem Dafürhalten hat der Mann nicht gewusst, dass ich ebenfalls männlichen
Geschlechts bin. Er wird vielmehr angenommen haben, dass er mit einer Frauensperson
verkehrt. Seit meiner Entlassung habe ich von widernatürlicher Unzucht gelebt. Feste Arbeit
hatte ich nicht und habe auch keine Unterstützung aus öffentlichen Mitteln bezogen. Meine
Freier lernte ich auch auf St. Pauli kennen. Für jeden Verkehr erhielt ich meistens 2 bis 3,–
Reichsmark. Durchschnittlich hatte ich auf diese Weise einen Tagesverdienst von zehn
Reichsmark. Gewohnt habe ich an verschiedenen Stellen immer nur ein paar Tage. Dort[hin]
bin ich auch mit meinen Freiern gekommen. Die Namen und Adressen der Leute kenne ich
nicht mehr. Bei Schmidt (Seilerstr. 11) wohnte ich erst seit zwei Tagen."
Aus dem Bericht der polizeilichen Ermittlungshilfe über Liddy Bacroff: "Zur sexuellen
Veranlagung des Habitz ist zu sagen, dass die Anfänge seiner Abnormität schon in jüngsten
Jahren zu beobachten waren. Er spielte vorzugsweise mit Puppen, wie sein Gebaren ganz
dem eines Mädchens angepasst war. Ein Lippenstift war ihm bei seiner ,Eitelkeit‘
unentbehrlich. In seinem 16. Lebensjahre zeigte sich das Erwachen seiner homosexuellen
Natur. Sein Gefühlsleben sei das [richtig: dem] einer Frau gleichzusetzen. Das Verlangen, den
Geschlechtstrieb als Mann auszuüben, habe er nie gehabt. Mit der Bezeichnung, dass er ein
‚Mann-Weib‘ ist, ist er treffend gekennzeichnet."
Nach der Haftentlassung im Januar 1938 meldete sich Liddy Bacroff wahrscheinlich in der
Davidstraße 3 auf St. Pauli an. Um sich der ständigen polizeilichen Überwachung zu
entziehen, zog sie mit gefälschten Meldepapieren in die Eckernförderstraße 78 (heute Simonvon-
Utrecht-Straße 79). Die Folge war, dass die Polizei steckbrieflich nach ihr fahndete.
Liddy Bacroffs Freiheit dauerte nur zwei Monate, bevor sie am 25. März 1938 einer
Denunziation zum Opfer fiel. Um 23:15 Uhr wurde der Polizeiwache "vertraulich mitgeteilt, daß
sich in dem Lokal ‚Komet‘ ... ein Mann in Frauenkleidung aufhalte und mit einem anderen
Mann an einem Tisch sitze". Daraufhin wurden die beiden verhaftet. Liddy Bacroff gab an, sie
trage Frauenkleidung "aus anomaler Veranlagung, um auf homosexueller Basis anzuschaffen".
Ihr Begleiter erklärte, er habe nichts von der wahren Identität der Liddy Bacroff geahnt, er war
der Meinung, eine Frau kennengelernt zu haben. Im Verhör am 2. April 1938 gab sie
gegenüber den Kriminalbeamten freimütig Auskunft über ihr bisheriges Leben als Transvestit:
"Von der Polizeibehörde erhielt ich dazu die Erlaubnis. Ich konnte mich also in Frauenkleidern
bewegen. Hiermit stand ich gleichzeitig unter sittenpolizeilicher Kontrolle. ... Meine
Leidenschaft zu den Männern hat mich dann letzten Endes zur Prostitution getrieben. Ich finde
meine geschlechtliche Befriedigung, wenn Liebe zu meinem Partner vorliegt, durch den
Afterverkehr. ... Ich habe bis auf den heutigen Tag durch gewerbsmäßige Unzucht meinen
Lebensunterhalt erworben. ... In der Zeit nach meiner Strafverbüßung bis zu meiner
Festnahme, also vom 15.1.38 bis zum 25.3.38 habe ich in den 9 Wochen täglich etwa 3
Männer gehabt. Sie gaben mir durchschnittlich RM 3,–. Es ist auch vorgekommen, daß ich
von einem Freier bis zu RM 10,– bekam. In den meisten Fällen lernte ich meine Kavaliere auf
der Straße kennen (St. Georg); in den seltensten Fällen in einem Lokal. Teilweise habe ich die
Leute angesprochen oder umgekehrt. Nachdem wir über den Preis einig geworden waren,
gingen wir nach dem Pensionat Kucharsky, Ecke Hansaplatz und Bremerreihe. Der
Pensionsinhaber wusste, daß ich Mannweib bin."
Am 4. April 1938 stellte Liddy Bacroff einen Antrag auf "freiwillige" Kastration, um "von meiner
krankhaften Leidenschaft, die mich auf den Weg der Prostitution brachte, geheilt zu werden".
Daraufhin wurde sie von einem Gerichtsmediziner des Gesundheitsamtes Hamburg
untersucht. Der Arzt zog in seinem Bericht folgendes Fazit, das einem Todesurteil gleich kam:
"H. ist seiner Grundeinstellung nach ein Transvestit. Beim Gesamthabitus nach ist er
entsprechend feminin infantilistisch, der Stimme nach eunuchoid ... Als Urning = Strichjunge =
passiver Paederast wird er sich vermutlich auch nach seiner evt. Kastration weiter betätigen,
weil ihm beim Fehlen der höheren Gefühlskräfte das unmoralische seiner Handlungen, z. B.
Geldverdienen durch passive Paederastie als Strichjunge nicht begreiflich gemacht werden
kann. Er fühlt sich in seiner Lebenslage glücklich und denkt nicht daran, durch Arbeit seinen
Lebensunterhalt auf anständige Art und Weise zu verdienen. ... Es liegt demzufolge bei ihm
schon eine Dauerfixierung, d. h. das Gewohnheitsmäßige: die sexuell-kriminelle Habitualform
vor. ... Die Sicherungsverwahrung ist infolge der absolut ungünstigen Prognose erforderlich.
Als Persönlichkeit in der geschilderten Form ist und bleibt er zweifellos ein Sittenverderber
schlimmster Art und muß deshalb aus der Volksgemeinschaft ausgeschaltet werden."
Am 22. August 1938 wurde Liddy Bacroff vom Landgericht Hamburg wegen "gewerbsmäßiger
widernatürlicher Unzucht" als "gefährlicher Gewohnheitsverbrecher" zu drei Jahren Zuchthaus
mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Aus dem Urteil: "Von der von dem
Angeklagten selbst angeregten Kastration hat das Gericht abgesehen, ... weil ... diese
Maßnahme nach dem Gutachten des Sachverständigen offenbar auch nicht geeignet ist, das
Triebleben des Angeklagten entscheidend zu beeinflussen. Es besteht sogar die Gefahr, daß
die Kastration dem Angeklagten sein verbrecherisches Treiben noch erleichtern würde. Es
würde ihm das Verbergen seines Geschlechtsteils vor seinen Unzuchtspartnern nur noch
erleichtert werden. Er selbst hat diesen Antrag auch offenbar unter diesem Gesichtspunkt
gestellt. Denn fast im gleichen Atemzuge hat er dem Sachverständigen erklärt, seinen After
könne man ihm ja nicht verschließen."
Nach der Gestapo- und Untersuchungshaft wurde Liddy Bacroff im Oktober 1938 in das
Zuchthaus Bremen-Oslebshausen überstellt und nach Verbüßung der Strafe im Oktober 1941
in die Sicherungsanstalt in Rendsburg eingeliefert. Im November 1942 erfolgte ihre
Überstellung an die Hamburger Polizeibehörde und anschließend die Verbringung in das KZ
Mauthausen, wo Liddy Bacroff am 6. Januar 1943 ermordet wurde.
Quellen: Rosenkranz/Bollmann/Lorenz, Homosexuellen-Verfolgung, 2009, S. 63–65, 198.
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Stand: © 05.10.2011
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Lotte (Charlotte) Hahm (1890 ‐ 1967)
zitiert nach: www.lesbengeschichte.de
Lotte Hahm wurde neben Selli Engler und Charlie von Franz Scott eine herausragende
Position als Gründerin bescheinigt.1 Auf Fotografien ist sie stets in männlicher Kleidung
abgebildet. Ab 1926 war sie Leiterin des Damenklubs „Violetta“ mit 400 Mitgliedern, 1929
leitete sie die „Vereinigung Monbijou“. Im Oktober 1929 wurden „Violetta“ und
„Monbijou“ per Mitgliederabstimmung vereinigt.2 Außerdem gründete und führte sie die
„Monokel Diele“ und die „Manuela Bar“3. Lotte Hahm war seit 1928 Leiterin der
Damengruppe des BfM. 1930 rief Lotte Hahm auf zur Gründung des Bundes für ideale
Frauenfreundschaft.4 Lotte Hahm verfasste über Jahre die Klubnachrichten vom „Violetta“.
Zuerst in der Frauenliebe und ab Januar 1929, nach dem Anschluss des „Violetta“ an den
BfM, in den Ledigen Frauen und in der Freundin.
1929 gründete sie die Transvestitenvereinigung D`Eon, in der männliche und weibliche
Transvestiten vertreten waren. Laut Katharina Vogel leitete Lotte Hahm diese Gruppe von
1929–1930.5 Ein erster Aufruf erschien 1929 in der Zeitschrift Ledige Frauen:
„Transvestitengruppe: es hat sich ein Privatzirkel von Transvestiten gebildet, welche sich jede
Woche in der Wohnung der Klubleiterin treffen. Hieran können sich noch einwandfreie
Transvestiten beteiligen.“6 Offensichtlich fand diese Gruppe großen Zuspruch. Denn bereits
wenige Wochen später, in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift Ledige Frauen, wurde ein
neuer Treffpunkt angekündigt: „Die große Nachfrage nach unserem Privatzirkel für
Transvestiten hat uns veranlasst, eine größere Wohnung mit Tanzgelegenheit zu mieten, wo
wir genauso ungeniert uns bewegen und umziehen können, wie es vordem möglich war.“7
Röllig berichtete dann später, dass diese Gruppe eigene Tanzveranstaltungen im Damenklub
„Violetta“ ausrichtete: „Eine Besonderheit dieses Klubs ist die Gruppe der Transvestiten, der
Frauen, die mit Vorliebe in Männerkleidern erscheinen. Man veranstaltet hier programmäßig
sogenannte ,Transvestiten‐Abende‘.“8 Regelmäßige Berichte der Vereinigung gab es in der
folgenden Zeit in der Freundin. Daneben finden sich einige Sachtexte zum Thema
Transvestitismus9. Literarische Texte veröffentlichte sie wohl nicht.
Ähnlich wie Selli Engler engagierte sich Lotte Hahm mit viel Elan für subkulturelle Orte der
Unterhaltung wie auch für die politische Organisation der homosexuellen Frauen.
Geboren wurde Lotte Hahm am 23. 05. 1890 in Dresden. Irgendwann zwischen 1933 und
1935 wurde Lotte Hahm verhaftet. Anfang 1933 vom Vater ihrer Freundin der Verführung
Minderjähriger angeklagt, kam sie ins Gefängnis.10 Anfang 1935 wurde sie in das
Frauenkonzentrationslager nach Moringen verlegt. Über den eigentlichen Haftgrund ist
nichts bekannt, da die Lagerdokumente verloren sind. Spätestens im März 1938 wurde sie
entlassen. Sie organisierte weiter Treffpunkte für homosexuelle Frauen. „Vor dem Krieg
hatte auch Lotte Hahm noch etwas aufgemacht, am Alexanderplatz in dem
Lehrervereinshaus im ersten Stock. Früher war da mal ein Tanzcafé; das hatte Lotte Hahm
gemietet, und dort hat sie Frauenabende gemacht. Das ging aber auch nicht lange gut.“11
Nach 1945 leitete sie wieder einen Frauenklub. 1958 gehörte Lotte Hahm zu einer Gruppe,
die versuchten den Bund für Menschenrechte neu zu gründen.12 Sie verstarb vermutlich
kurze Zeit später.
Heike Schader (2004)
Aus: Schader, Heike: Virile, Vamps und wilde Veilchen. Sexualität, Begehren und Erotik in
den Zeitschriften homosexueller Frauen im Berlin der 1920er Jahre. Königstein/Ts.: Ulrike
Helmer Verlag 2004, S. 76f.
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